Experiment Grossbritannien

Am 31. Jänner 2020 trat Grossbritannien nach 47 Jahren Mitgliedschaft aus der Europäischen Union aus. Punkt 23 Uhr Ortszeit wurde angestossen. Das Läuten von Big Ben wurde ebenso untersagt wie ein Feuerwerk. Überall wehte die Nationalflagge. Es wurde gefeiert. Aus 28 wurden 27 EU-Mitgliedsländer.

Die Abweichung von EU-Regeln ist klares Ziel von Boris Johnson. Die EU will aber einen unfairen Wettbewerb bei Staatshilfen, Umweltschutz und auch bei Steuern verhindern.

Beide Seiten müssen Interesse an einer Einigung haben. Die Bank von England hat ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum 2020 auf 0,8 % gesenkt. Fast niemand kann sich wirklich vorstellen, dass die Übergangsperiode bis zum Jahresende ausreichen könnte, um ein gutes Abkommen auszuhandeln, das für beide akzeptabel ist.

Das Handelsblatt schreibt, dass auf dem Kontinent die Angst umgeht, dass ein «Singapur an der Themse» entsteht. Johnson proklamiert, dass er den «Turbo» zünden werde und Handelsdeals mit der ganzen Welt abschliessen werde. Er verspricht einen Wirtschaftsboom. Unterstützer von Johnson bestätigen, die EU habe zu viele Regeln, was Unternehmen, vor allem kleine Unternehmen bremse. Der Sinn des Brexits sei es, dass man von den europäischen Standards abweichen will.

Im Handel hofft die britische Regierung schneller und flexibler handeln zu können. Eine Vereinbarung mit der EU hat höchste Priorität, aber auch Verträge mit den USA, Japan, Australien und Neuseeland sollen bis zum Jahresende 2020 unterzeichnet werden. Kritiker sehen den Zeitplan als völlig illusorisch, da die grossen Partner wie die USA, die EU und auch China wohl die Bedingungen diktieren werden. Zudem würden Handelsgespräche üblicherweise Jahre dauern.

Die Europäer fürchten eine Deregulierung des Finanzsektors durch die Engländer. Da London neben New York führendes Finanzzentrum der Welt ist und unter anderem den Handel mit Derivaten dominiert, könnte dies durchaus Einfluss haben.

Unternehmenssteuern sind ebenfalls für die EU ein Schreckgespenst. Geht England auf Steuersätze wie in Irland (derzeit 12,5 %)?

Will Johnson den versprochenen Wirtschaftsboom auslösen, liegt die echte Herausforderung nicht in der Handelspolitik, sondern in der Verbesserung der Produktivität in der englischen Wirtschaft. Gespannt dürfen wir auf das grosse Konjunkturprogramm sein, das im März vorgestellt werden soll.

Der Austritt wurde kräftig gefeiert. Man darf gespannt sein, wie gross der «Kater» nach der Party wird.

4. Februar 2020